wie Sie wissen, habe ich meine beiden Söhne seit mehr als 12 Jahren nicht sehen können. Damals waren sie 5 bzw. 10 Jahre alt. Es war für mich die schlimmste Periode meines ganzen Lebens. Jedoch haben meine Kinder, wie ich es heute weiß noch viel mehr gelitten als ich.
Ich habe alles versucht: Insbesondere bei der Mutter, die gleich nochmals geheiratet hat, waren wir, die Kinder und ich chancenlos, denn sie meinte: „Das beste für die Kinder ist, wenn Du sie nie wiedersiehst!“ Nach zwei Jahren war ich gänzlich aus dem Leben meiner Kinder ausgegrenzt.
Lange Jahre habe ich um Umgang gekämpft: Ich habe mit juristischen Mitteln versucht, den Umgang zu den Kindern zu erhalten, aber erfolglos. Nach 5 Jahren zog die Mutter mit der Familie aus unserer Stadt weit weg – in ein benachbartes Land. Entfernung über 800 km. Eine Adresse wurde mir nicht mitgeteilt, ich hatte nur eine Kontonummer für die monatlichen Zahlungen.
Ich trat einem Väter-Verein bei und erfuhr, daß ich nicht alleine bin, sondern ich das Schicksal mit einigen Hunderttausenden an Vätern teile. Sie alle hatten entweder gar keinen oder einen sehr stark eingeschränkten Kontakt zu ihren Kindern.
Ich nahm teil an Demonstrationen der Väter in Bonn und in Berlin, machte beim Hungerstreik von Günter G. vor dem Berliner Amtsgericht mit und führte schließlich Gespräche mit zuständigen Politikern und Beamten der Ministerien.
Es bewegte sich alles sehr langsam.
Mit riesiger Freude las ich im Juli 2000 das Urteil der Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg, wobei Sie die Vertretung des Vaters Elsholz übernahmen und schließlich den Prozess gewonnen haben. Ich konnte kaum abwarten, daß dieses Urteil veröffentlicht werden würde.
Nach dem der offizielle Urteilstext aus Straßburg im "Amtsvormund" im Aug.2000 erschien (Vater Elsholz verklagte die Bundesrepublik, daß die Gerichte ihm nicht erlaubten, sein Kind zu sehen. Er bekam Recht und ca. DM 50.000,- Schmerzensgeld und Auslagenersatz), fasste ich Mut:
Ich rief meinen älteren Sohn (22), den ich seit 12 Jahren nicht mehr sehen durfte, in H. an. Anfänglich wollte er mich loswerden, drohte mit einem Anwalt, aber als er über das Urteil hörte, war er auf einmal sehr hellhörig. Ich schilderte ihm das Urteil detailliert und verwies auf die Begründung, wonach jeder Mensch ein Recht auf Familienleben habe.
Er mußte das Gespräch unterbrechen, rief mich später zurück und sprach mit mir - auf seine Kosten - dreieinhalb Stunden lang. Bereits nach kurzer Zeit war er wieder mein Kind, wie ich ihn kannte: Natürlich, neugierig und positiv zu mir eingestellt. Es war eine unglaubliche Unterhaltung: Wir begannen mit einer enormen Geschwindigkeit die Lücken von 12 Jahren zu füllen. Die Schlucht zwischen uns schien überbrückt werden zu können.
Erst wünschte er, daß wir erst nach 2 Wochen erneut miteinander reden sollten. Ich habe die 14 Tage wie auf Kohlen sitzend abgewartet. Er rief pünktlich an und wir sprachen wieder 3 Stunden - auf seine Kosten, wohlgemerkt. Da war es schon klar, er hatte ja tausend Fragen und wollte alles wissen, wieso, warum, weswegen die Ehe in die Brüche ging, etc.
Er erinnerte sich an vieles noch, z.B. welche Musik ich bei gemeinsamen Autofahrten hörte. Er suchte sie im Internet und fand sie - und wenn er traurig war, hörte er diese Musik. "Die Mutti hat nie Musik gehört zu Hause...." sagte er. Er spielte sie mir vor: "Kennst Du noch dieses Lied.....?" "Und dieses.....?"
Dann gingen die Anrufe Schlag auf Schlag, täglich 2-3 mal.
Dann das erste Wiedersehen: Nach 12 Jahren Pause kam mir ein 186 cm großer schlanker Junge entgegen, der aussah, als würde ich mich selber im Spiegel sehen als ich 22 war. Es war unbeschreiblich. Ich glaube, noch nie so ein Glücksgefühl empfunden zu haben.
Wir haben uns umarmt, scherzten, klopften uns auf die Schulter. Dann gingen wir spazieren, sprachen eine Menge miteinander, waren dann mit seiner gleichaltrigen Freundin essen. Es war ein wunderschöner Tag.
Rundherum ein Happy End.
Was ich alles von ihm über seine Kindheit erfuhr, hätte ich so nie geglaubt: All die Unterdrückung, die er erleiden mußte, das Aufatmen, als er gemerkt hat, daß ich anders bin, als die mich darstellten, die Übereinstimmung in unserem Denken, Handeln, Lachen, in unserem Gang und in vielen anderen Sachen. Was er noch alles weiß, ein Gedächtnis hat er, unglaublich. Bilder, die unauslöschlich in seiner Seele geblieben sind, woraus man erkennt: er hat genauso gelitten wie ich, konnte aber der Macht der sorgeberechtigten Erwachsenen nicht entfliehen.
Zur Zeit ist Funkstille zwischen ihm und seiner Mutter bzw. dem Stiefvater. Er hat die Kontakte selbst abgebrochen, bevor wir uns wiederfanden. Gegenüber dem Stiefvater, der ihn oft geschlagen hatte, ihn erniedrigen wollte, hat er einen riesen Hass entwickelt und mußte deswegen in eine Therapie. Er kann nicht schlafen, hat Depressionen, und leidet viel. (vgl. Horst Petri "Das Drama der Vaterentbehrung")
Nach kurzer Zeit folgte der jüngere Bruder dem Älteren und benutzte einen Aufenthalt bei seinem Bruder, den ersten Zug zu nehmen und mich zu besuchen. Seit dieser Zeit stehe ich auch mit dem Jüngeren in ständigem Kontakt.
Ihnen an dieser Stelle ein Dank für Ihren Einsatz und für die Kraft, die Sie mir durch das gewonnene Urteil gegeben haben weiterzukämpfen. Ohne diese Hilfe hätte ich es nie geschafft.
Ein ganz großes Dankeschön gilt vielen anderen Betroffenen für die moralische Unterstützung.
Ihnen ein erfolgreiches und gesundes Neues Jahr und weiterhin die Kraft, noch viele Kinder von der Vaterlosigkeit zu retten.
Herzlichst
Ihr
M.