HUMANWISSENSCHAFTLICHE  REFERENZEN

  I.

In einer Information der BDP-Bundesgeschäftsstelle vom 21. Mai 1986 (idp 86/05/08) heißt es unter der Überschrift

‚Ehescheidung und Kindeswohl – Familiäre Bindungen bestehen für Kinder fort‘

wörtlich:

„Forschungsergebnisse aus der Entwicklungspsychologie des Kindes belegen, daß Scheidungskinder, die weiterhin einen intensiven Kontakt zu beiden Eltern haben, deutlich bessere Entwicklungschancen haben als Kinder, denen nur ein Elternteil zur Verfügung steht. Diese Ergebnisse sprechen dafür, Kindern auch nach einer Trennung der Eltern beide Elternteile als Bezugspersonen zu erhalten.“
 
 

II.

Der Münchner Psychotherapeut Dr. Reinhart Stalmann berichtet 1986 in der Wochenzeitschrift Quick eindrucksvoll von seinen Praxiserfahrungen mit therapiebedürftigen erwachsenen Scheidungskindern. (Volltext)

Stalmann schließt mit der Forderung:

„Das Sorgerecht, das bisher meist nur einem Teil zugesprochen wurde, sollte grundsätzlich beiden übertragen werden. Dafür hat der Gesetzgeber zu sorgen.“
 
 

III.
 

Michael Rotmann: Die Rolle des Vaters im Leben des kleinen Kindes.
in: H.J. Schultz (Hrsg.) dtv Sachbuch 1984

"Die Entwicklung des kleinen Kindes im ersten Lebensjahr ist rasant. Ich greife wichtige Reifungsschritte heraus. Zur für die Mutter spezifischen Lächelreaktion etwa in der Mitte des ersten Lebensjahrs gesellt sich schnell ein Lächeln, das nur dem Vater gilt. Vater und Mutter werden bald als zwei verschiedene Personen erkannt. Man hat beobachtet, daß Kinder im Alter von sechs bis zwölf Monaten auf experimentelle Trennungen vom Vater und Mutter gleichartig reagieren. Daß sie also auf den Vater nicht etwa leichter verzichten konnten, als auf die Mutter. Dies war der Fall, obwohl drei Viertel dieser Väter noch keine Windel gewechselt hatten und tagsüber beruflich abwesend waren. Der Vater braucht also nur minimal im Alltagsleben des Kleinkindes und nur minimal an der direkten Pflege beteiligt zu sein, um doch ein spezifisches Bindungsobjekt für das Kind zu werden." (S.152/3)

Zum Autor: Michael Rotmann, Dr. med., Psychoanalytiker in freier Praxis in Freiburg i. Br., geboren 1938, Facharzt für Innere Krankheiten, Psychotherapie, Psychoanalyse. Veröffentlichungen: Interaktionsprobleme des psychosomatischen Konsiliarius im Krankenhaus (o.J.), Die Rolle des Vaters in der frühen Triangulation (o.J.)
 
 

IV.
 

Mechthild Papousek: Wurzeln der kindlichen Bindung an Personen und Dinge: Die Rolle der integrativen Prozesse (S. 155 ff.)
in: Christian Eggers (Hrsg.) Bindungen und Besitzdenken beim Kleinkind, Urban & Schwarzenberg, München-Wien-Baltimore 1984

Dem beim Verlag vergriffenen Werk entnehme ich folgendes Zitat von M. Papousek:

"Die Annahme einer ausschließlichen und primären Mutter-Kind-Bindung im 1. Lebensjahr ist nicht mehr zu halten. Das Kind entwickelt zur gleichen Zeit und in vergleichbarer Qualität Bindungen zum Vater oder zu einer stellvertretenden Bezugsperson, wenn diese Bezugsperson mit einer gewissen Regelmäßigkeit dem Kind verfügbar sind, und zwar unabhängig von der Dauer der Interaktion (Field, 1978; Lamb, 1977). Der Säugling kann vom Anfang seines Lebens an Beziehungen zu mehr als einer Person verkraften, vorausgesetzt, daß er mit jeder dieser Personen genügend Gelegenheit zu dyadischen Interaktionen hat." (S. 159)

Zur Autorin: Mechthild Papousek, Fachärztin für Psychatrie und Neurologie, seinerzeit tätig bei Max-Planck-Institut für Psychatrie, jetzt im Kinderzentrum, beide München.
 
 

V.

Matthias Franz, Klaus Lieberz, Norbert Schmitz (Klinisches Institut für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) und Heinz Schepank (Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim)

"Wenn der Vater fehlt. Epidemiologische Befunde zur Bedeutung
früher Abwesenheit des Vaters für die psychische Gesundheit im späteren Leben"

Eine ausführliche Zusammenfassung, Inhaltsbeschreibung uind Kommentierung dieser wichtigen Forschungsarbeit findet sich auf der Homepage von Väter für Kinder e.V. unter Aktuelles.
 


VI.

Ursula Kodjoe:
 

Was braucht ein Kind
in Anbetracht der Vielfalt heutiger Familienformen?°


Ein Kind braucht zu seinem Glück eine Tür mit einer Klingel, an der sein Name steht. Eine Tür, die ihm immer aufgemacht wird und in der jemand auf es wartet und es in den Arm nimmt.

Einen Vater und eine Mutter, die ihm dieses Zuhause schaffen und die es ihm erhalten können. Die verfügbar sind, real und emotional. Eltern, zu denen das Kind eine sichere Bindung und eine Beziehung entwickeln kann, die seine Signale erkennen und auf seine Bedürfnisse alters- und entwicklungsangemessen reagieren.

Fehlt ein Elternteil, so fehlt dem Kind in der Regel die Hälfte seiner Identität. Wird dieser Elternteil auch noch vom anderen abgewertet, erleidet es erhebliche Einbußen in seinem Selbstwertgefühl. Trennungskinder müssen deshalb von beiden Eltern immer wieder gesagt bekommen, dass sie keinen von ihnen verlieren, obwohl die Eltern beschlossen haben, nicht mehr zusammen zu wohnen. Neu hinzukommende Partner der Eltern, zu denen das Kind eine tragfähige Beziehung aufbauen kann, sind ebenso wie seine Beziehung zu anderen Erwachsenen eine Bereicherung und Erweiterung seines sozialen Netzwerkes, das ihm Zuwendung, Förderung und Unterstützung bieten kann. Sie können kein Ersatz sein für einen leiblichen Elternteil, zu dem das Kind eine enge Bindung aufgebaut und eine liebevolle Beziehung entwickelt hatte.
 


Die Bedeutung des Vaters für die intellektuelle, soziale und moralische Entwicklung der Kinder ist Forschungsevidenz. Kleinkinder brauchen beide Eltern zur Entwicklung zweier Bindungs- und Beziehungsobjekte. Bereits ab dem 2. Lebensmonat unterscheiden Kinder Vater und Mutter und treten zu ihnen in unterschiedliche Beziehungen, die sich gegenseitig ergänzen und bereichern. Die Dreiecksbeziehung Vater-Mutter-Kind ist die ursprünglichste aller Beziehungsformen und verhindert das Verharren des Kindes in der Abhängigkeit der Zweierbeziehung Mutter-Kind.

Das Hin- und Herpendeln zwischen Vater und Mutter eröffnet dem Kind die männliche und die weibliche Erlebniswelt und fördert seine körperliche, seine intellektuelle und seine soziale Entwicklung. Der Umgang eines Kleinkindes mit dem außerhalb lebenden Elternteil erfordert von den Eltern Einsicht in die Wichtigkeit des ehemaligen Partners und den Willen, die Beziehung zuzulassen und kindgerecht zu gestalten.

Intakte, lebendige Eltern-Kind-Beziehungen sind nur ein Faktor in der Betrachtung der generellen Lebenszufriedenheit von Vätern, Müttern und ihren Kindern. Dieser Faktor wirkt jedoch in alle anderen Lebensbereiche hinein und beeinflusst die Qualität, die gesamte Gestaltung und den Verlauf der individuellen Biografie tief greifend.
 

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  °) von der Autorin autorisierte, gekürzte Fassung eines Beitrags in:
     Bernd Rill / Carsten Rummel: Elternverantwortung und Generationenethik
    in einer freiheitlichen Gesellschaft
    in: Argumente und Materialien zum Zeitgeschehen 30, herausgegeben von der
    Hans Seidel Stiftung, München
 



 
 

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